Pikler - Pädagogik ganz praktisch

Wie geht das denn nun eigentlich? 

Also, so "piklerisch" mit dem Kind sein? 

So. Mache ich das.

Liegen lassen.

Nachdem die Kleine Dame geboren wurde, haben wir uns gefreut. Sehr gefreut. Ebenso alle Verwandten und Freunde. Und der Bruder erst! 
Alle wollten sie kennelernen, anschauen, anfassen, auf den Arm nehmen. Doch der Liebste und ich, wir hatten schon vorher bekannt gegeben: Das Kind bleibt bei uns und wer mit ihr Kontakt aufnehmen will, der ist eingeladen sich neben sie zu setzen und zu legen. Aber sie sollte nicht weitergereicht werden, das war für manche Verwandte schwer zu verstehen. Wir haben immer wieder erklärt, ermuntert andere Wege zu suchen, Kontakt aufzunehmen und darüber hinweggesehen, wenn Augen gerollt wurden.
 Natürlich haben wir sie viel auf dem Arm getragen, aber nicht aufrecht sondern liegend, mit ihr gekuschelt und sie nah bei uns gehabt. Im Wohnzimmer stand das Babybett, das zunächst "ihr Zimmer" war. Dort lag sie, wenn sie wach war oder geschlafen hat. So war sie nah am Familienleben aber eben doch in ihrem Bereich. Und sie lag immer auf dem Rücken. Bequeme Kleidung bekam sie an, eine Decke oder einen Schlafsack auch, wenn es kalt war. Kein Mobile. Keine anderen über oder neben ihr aufgehängten Spielsachen, lediglich ein Tuch mit Punkten war in Sicht- und später auch in Reichweite. 
Im Autositz war sie nur, wenn wir auch Autofuhren. Transportiert wurde sie im Kinderwagen. Zum Tuch griff ich aus der Not heraus - es gab ein paar Situationen, die es für mich notwendig machten, sie aufrecht im Tuch zu tragen. Auf dem Wickeltisch lag eine Stoffwindel, damit das kleine zarte Kind auf dem Holz nicht fror. Mit einem Heizstrahler war es dann auch warm von oben. Durch diesen sehr direkten Kontakt mit der harten Unterlage konnte sie sich von Anfang an selbststätig mit der Schwerkraft auseinandersetzen ohne das eine weiche Unterlage ihre Bewegungen behindert. Als sie anfing, sich zu bewegen tauschten wir dann auch das Bett gegen ein Spielgitter mit einer harten Unterlage aus - was sie sichtlich genoss, denn es machte ihre Bewegungen leichter.

Warum? Nach der Geburt  ist das Kind damit beschäftigt die Welt außerhalb des Mutterleibes kennenzulernen. Alles ist neu. Es ist die Aufgabe der Eltern, dem Kind dieses Weltkennenlernen behutsam zu gestalten und es nicht mit Eindrücken zu überfrachten. Es dauert einige Wochen, bis das Kind tatsächlich im Liegen angekommen ist, das heißt, das Kind sicher auf dem Rücken liegt. Dahin zu kommen, ist die erste selbstständige Bewegungsentwicklung des Säuglings. Wird er nun ständig in andere Positionen gebracht, erhält das Kind nicht Möglichkeit, diesen ersten Schritt in seinem Tempo zu bewältigen. Wird das Kind aufrecht getragen, bevor es die Muskulatur entwickeln konnte, seinen Kopf selbstständig zu halten, so erfährt es Abhängigkeit: "Ich brauche Erwachsene, die mich aufrecht tragen, um alles zu sehen" und integriert dies ins sein Selbstkonzept. Es wird unzufrieden und lässt sich nur beruhigen, wenn es in die Position gebracht wird, die es selbst noch nicht erreichen kann.
Darf das Kind in der Rückenlage seine wache, satte Zeit verbringen, entdeckt es seine Hände zum Spielen, lauscht den Geräuschen seiner Umgebung und erfährt, dass sein Tempo und seine Art die Welt zu entdecken angenommen werden. Diese Erfahrung ermutigt und bestärkt das Kind und das braucht es, um zufrieden und neugierig zu bleiben.

"Wir hindern den Säugling in seiner Bewegungsentwicklung, wenn wir ihn ständig herumtragen, auf dem Schoß halten, wiegen usw. Der Säugling wird dadurch passiv, unbeholfen, unselbstständige. In all diesen Lagen ist er nicht Herr seines Körpers, in jeder Minute geschieht oder könnte etwas mit ihm geschehen, was ihn in eine völlig neue Lage bringt. Nicht einmal wenn er wollte, könnte er sich frei bewegen. Außerdem erwartet er dann dauernd, dass man sich mit ihm beschäftigt und wird natürlich nicht auch nicht auf seine eigenen Bewegungen achten"

"Tun wir nichts für den Säugling, wozu er selbst fähig ist, z.B. wenn er nach etwas greift, das er selbst erreichen kann, wenn er sich anstrengt; er wird auch alles herausfinden, wie er es erreichen kann. Je weniger wir uns in seine Versuche einmischen, um so eifriger und ausdauernder wird er weiter experimenterien" (Pikler 1982: 42ff)


Wickeln im Dialog

Eine der wichtigsten Anschaffungen vor der Geburt der Kleinen Dame war unser Pikler-Wickeltisch.
Bevor sie mobil wurde, haben wir ein dünnes Tuch darauf gelegt, damit das Holz nicht zu kalt ist. Doch mit zunehmender Bewegung wurde das Tuch dann überflüssig, weil es nur gestört hat. Von Anfang haben wir ihr jeden Handgriff erklärt, denn wir mit ihr getan haben und ihr ermöglicht, in ihrem Maß mitzuhelfen. Damit ihre Aufmerksamkeit nicht vom Zusammensein mit mir oder dem Liebsten abgelenkt wird, haben wir darauf verzichtet Mobiles über dem Wickeltisch aufzuhängen oder beim Wickeln Spielzeug anzubieten. Wichtig war und ist, dass wir den Wickelplatz vorbereitet haben und alles, was wir benötigen in Griffweite ist. So können wir uns immer ganz auf sie einlassen und müssen nicht schnell noch irgendwas irgendwie suchen oder holen. Am Wickeltisch erhält sie ungeteilte Aufmerksamkeit und alles was wir mit ihr tun, geschieht mit Resepekt und Achtung vor ihren Äußerungen, individuellen Vorlieben und ihrem eigenen Entwicklungstempo.

Vor allem für mich, die schon ein Kind gewickelt und versorgt hat, war es schwer, aus alten, z.T. sprachlosen und lieblosen Routinen auszubrechen. Doch es ist mir, in Reflexion mit dem Liebsten gelungen. Der hat es nie anders gemacht, wie hier beschrieben und ist dabei mein Vorbild. Auch wenn er manchmal mit Strumpfhosen und anderen Kleidungsstücken seine Probleme hat.

Während Mütter mit gleichalten Kindern von den Problemen beim Wickeln erzählen, weil ihre Kinder nicht liegen bleiben wollen und nicht mitarbeiten, erfreuen wir uns mehrmals am Tag an wirklich verbindenden Momenten in denen wir viel miteinander plaudern und lachen. Die Kleine Dame steht am Wickeltischrand, streckt Arme und Füße entgegen, wenn sie die Kleidungsstücke sieht und ich sie darum bitte, cremt sich die Backe (zurzeit noch nur eine:) ein, kämmt sich und entscheidet sich für Kleidung. Naütrlich dauert es manchmal länger, bis sie mir ihre Hand zum Nägelschneiden hinhält. Doch auch das bekommen wir gemeinsam immer wieder gut hin. Auch für mich fühlt sich diese Art von Wickeln gut an, denn ich erlebe, wie die Kleine Dame die Zuwendung genießt. Wickeln ist bei uns ein wunderschönes geteiltes Erlebnis, bei der die frische Windel ein erfreuliches Nebenprodukt ist.



Laufen lernen lassen

Die Kleine Dame ist nun 15 Monate alt. Seit drei Monaten ist sie mit dem Aufstehen, Hochziehen, Sachen-vor-sich-her-schieben und ersten Schritten beschäftigt. Wir haben Sie aufmerksam dabei begleitet, ihre Kleidung so gewählt, dass sie nicht einschränkt und behindert, ihr weiche Lederschuhe angezogen, damit ihre Füße Halt haben und aber nicht durch feste Sohlen behindert werden und ihr Zeug zum Spielen so ausgewählt, dass es ihren Experimenten mit der Schwerkraft diente.
Geduld und Vertrauen waren dabei unsere wichtigsten Begleiter. Denn während andere Kinder, die z.T. jünger sind, bereits erste Schritte wagten (oft auch angetrieben von den Eltern und an der Hand) krabbelte die Kleine Dame. Gerne Treppen hoch und wieder runter. Sie jedoch zeigte kein Interesse daran sich aufzurichten. Nach und nach entdeckte sie dann, dass sie sich am Wickeltisch aufstellen kann, dass Stühle und vor allem ein Einkaufskorb für sie die richtige Höhe hat, um sich daran festzuhalten und hochzuziehen. An meinem Geburtstag dann stand sie das erste Mal mitten im Raum auf. Schaut sich um, ließ sich auf die Knie nieder und krabbelte zufrieden weiter. Immer häufiger gab es nun diese Momente des freien Stehens. Stets richtete Sie den Blick auch fragend an uns: „Seht ihr, was ich tue!“. Unserer Überzeugung treu bleibend, das Anteilnahme wichtiger ist als Lob, teilten wir ihr durch Blicke und Worte mit: „Ja, wir sehen, was du geschafft hast“. Die Frustration, die ich bereits beschrieben habe, ausgelöst durch das an die Hand genommen werden, hat sie überwunden. Sie kehrte zurück zu ihren Experimenten. Bahn um Bahn schob sie was sie kriegen konnte vor sich her: Pappkartons, die Öko-Kiste, den Einkaufskorb, Stühle. Sie überwand die kleinen Stufen (2cm Absätze) der Türschwellen und krabbelte dann wieder glücklich weiter, wenn sie zufrieden mit ihrer Arbeit war.
Gestern beim Abholen aus der Krippe lief sie quer durch den Raum auf mich zu. Die Ellenbogen angewinkelt, die Hände zur Balance nutzend, mit erhobenem Kopf, etwas schwankend aber sicher. Zuhause lief sie weiter, ließ sich nicht entmutigen, wenn sie auf dem Po landete. Die Türschwellen überwand sie, in dem sie sich an der Wand abstützte. Das auf den Boden gelegte Rutschbrett bestieg sie mehrmals und lief darüber, immer wieder. Wir Eltern nahmen gerührt Anteil, das unser Baby nun ein aufrecht gehendes Kleinkind geworden war.

Was Emmi Pikler dazu schreibt:
Die unter unseren Bedingungen lebenden Kinder freuen sich in jeder Entwicklungsstufe an ihren eigenen, selbstständigen Versuchen. Während ihrer Versuche verlieren sie selbst dann die Lust nicht, wenn der Erwachsene nicht eingreift. Wenn ihnen aber selbstständig eine neue Bewegung gelingt bzw. sie eine neue Position erreichen, freuen sie sich sichtlich darüber. Sie lenken die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung auf ihr Gelingen. Und die Mutter oder der das Kind pflegende Erwachsene, der in einer guten Beziehung mit dem Kind lebt, freut sich mit ihm zusammen. Die Freude ist eben auch dann gemeinsam, wenn der Erwachsene nicht direkt am Erreichen der neuen Position bzw. Bewegungen beteiligt war.“ (Pikler 2001:66)


Diese Zeichnungen stammen ebenfalls aus dem Buch von Emmi Pikler und zeigen genau, wie die Kleine Dame das Laufen gelernt hat:

Zeug zum Spielen

Das Spielzimmer meiner Töchter ist voll mit vielen Dingen. Puppen,Puppenbuggy, Puppentöpfchen, ein altes Schulpult, Ziehdackel, Handpuppen, Duplos, eine Kinderküche mit viel Zubehör, Bücher, Schleich-Tiere, Pikler-Dreieck samt Rutschbrett, Verkleidungskiste und Kapla-Steine.

Und dann ist da noch das Zeug. Viele bunte Becher, Metallschüsseln in unterschiedlichen Formen und Größen, ein Korb voller Deckel, eine Kaffeemühle, Bälle unterschiedlich in Größe und Material, Tücher, kleine und große in unterschiedlichen Farben.
Dieses Zeug wird von allen Kindern, die in unserem Spielzimmer spielen intensiv bespielt. Ja, die Dinge werden auch genutzt, es gibt Lieblingsachen. Aber vor allem die Schüsseln, Becher und Tücher werden in immer wieder neuen Varianten bespielt. Sie geben den Kindern kein Spiel vor, sondern sind offen für ihre Ideen. Das Küken begreift die Metallschüssel. Stößt sie erst durch Zufall an, dann geziehlt.Beobachtet, wie sie schaukelt. Greift sie, befühlt sie mit Lippen und Zunge. Die Kleine Dame verteilt Schüsseln im Raum und befüllt sie mit allem Möglichen, nutzt sie als Futterschüssel für ihr Gummipferd oder serviert mir Essen, stapelt, schüttet, kullert. Probiert aus. Wenn dieses Zeug zum Spielen verfügbar ist, spielen beide ihrer altergemäßen Aufmerksamkeitsspanne entsprechend konzentriert und selbstständig. Sie benötigen weder meine Anleitung noch meine Assistenz, denn mit dem Zeug können sie sich nicht verletzen und ich muss ihnen auch nicht zeigen, wie sie damit umgehen müssen, denn es ist offen für ihre Ideen und ihr Können. Auch in meinen Eltern-Kind-Gruppen spielen die Kinder mit solchem Zeug, erkunden Backpinsel, klettern in große Kisten, dürfen ausprobieren, tun und versinken ohne dass ein Erwachsener ihnen zeigt, wie sie spielen sollen und können.
Kindliches Spiel ist Arbeit, sie arbeiten mit dem Zeug an ihren Themen, lernen darüber die Welt kennen und es reicht, wenn es wir Eltern es begleiten, Mit Worten die beschreiben, was wir sehen. Dann können sie ihren eigenen Ideen folgen, ihre eigenen Experimente durchführen. Warum soll das Kind einen Turm hochstapeln, wenn es gerade am Drinnen und Draußen interessiert ist? Zurückhaltung und Beobachtung sind wichtiger als dem Kind zu zeigen, wie wir denken, dass es spielen soll. So kann es sich vertiefen und sich an seinem Tun freuen, ohne dass es uns als Animateur braucht.

Ich liebe es, meinen Kindern bei ihrem Spiel zuzuschauen. Das Küken spielt mit dem ganzen Körper, sie dreht sich auf dem Rücken hin und her, artikuliert, rollt auf den Bauch, hantiert mit dem, was ihr in die Hände kommt. Sie freut sich, wenn ich bei ihr bin und ihr dabei zuschaue.
Die Kleine Dame spielt Rollenspiele mit ihre Puppen, erzählt und singt dabei. Sie bezieht mich mit ein, aber kehrt auch immer wieder zum Spiel mit sich und ihrem Zeug zurück. Überall und mit allem entwickelt sie ein Spiel.

Kommentare:

  1. Menschen sind Traglinge (siehe Mororeflex, Anhock-Spreizhaltung, etc), keine Rumliegelinge... Zugewandte Pflege nach Pikler ist sicher ein toller Ansatz, aber diese merkwürdige Meinung zum Tragen und zum "Einnehmen von Haltungen, die der Säugling aus eigener Kraft noch nicht einnehmen kann", sind schlicht und ergreifend Unsinn.

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  2. Die Aussagen beziehen sich auf Erkenntnisse der Kinderärztin Emmi Pikler, die sie in jahrelangen Beobachtungen und Studien gewonnen hat. Bei meinen Töchtern konnte und kann ich beobachten, wie positiv sich die Möglichkeit der selbstständigen Bewegungsentwicklung von Anfang auf ihre körperliche und emotionale Gesundheit ausgewirkt haben.
    Piklers Sicht aufs Tragen muss zeitlich eingeordnet werden, diese Meinung teile ich auch nicht. Babys von Anfang an als selbsttätige Personen anzuerkennen, denen wir Zeit und Raum geben, um ihre Entwicklung zu machen - darum geht es.

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  3. Ich finde es auch nicht toll, wieviel Zeit manche Kinder in der Babyschale angeschnallt verbringen. Aber ich verstehe auch nicht was gegen das Tragetuch sprechen soll. Auch meiner Meinung nach sind Babys Traglinge und bekommen vom Liegen, gerade auf hartem Untergrund, einen platten Hinterkopf. Mir kommt das alles etwas verkrampft vor, auch wenn Pikler sicher gute Ansätze hat. Klar soll ein Baby Gelegenheit bekommen, sich selbständig zu bewegen, aber das heißt ja nicht dass man es nicht hochnehmen darf. Das ist doch auch Zuwendung.

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  4. Es spricht nichts gegen das Tragetuch - und auch nicht, Babys auf den Arm zu nehmen. Es gibt vieles, was dafür spricht, die Umgebung von Säuglingen so zu gestalten, dass sie sich frei und selbststätig entwickleln können. Immer unter der aufmerksamen Zugewandheit seiner Bezugspersonen. Die harte Unterlage ermöglicht es dem Kind sich zu ermöglichen, in weichem versinkt es und hat schwerer zu tun.

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