6/05/2017

Gastbeitrag: Brauchen unsere Kinder mehr Bindung und emotionale Sicherheit für eine gesunde Entwicklung? Ein Essay

Einige meiner Studierenden aus der Fachschule für Sozialwesen haben Essays zum Thema Bindung geschrieben. Die Gruppe hat sich in einem Vorkurs bei einem Bildungsträger bereits mit dem Thema beschäftigt, ich knüpfe nun daran an und war interessiert, was ihnen dazu einfällt bzw. wie sie sich positionieren. Frau Becker hat ausgehend von ihren Erfahrungen als Mutter ihr Wissen als angehende Fachkraft verknüpft und einen, wie ich finde, sehr gelungenen Text abgegeben. Sie zeigt darin, das eine neue Generation Erzieherinnen in den Fachschulen ausgebildet wird, die sich darüber bewusst sind, wie wichtig "in Beziehungen" Aufwachsen für Kinder ist. Die Gesellschaft muss sich allerdings dazu bereit erklären, die Bedingungen in den Einrichtungen so zu gestalten, dass dies auch umgesetzt werden kann. Dafür lohnt es sich zu kämpfen, im Sinne aller Kinder, die in Kitas und Krippen betreut werden und damit die Menschen dort gut arbeiten können!
Mit ihrem ausdrücklichen Einverständnis teile ich heute also den Essay von Carmen Becker mit euch. 



Brauchen unsere Kinder mehr Bindung und emotionale Sicherheit für eine gesunde Entwicklung?  Ein Essay

Die Schlafzimmertür öffnet sich leise und eine kleine Gestalt schiebt sich vorsichtig in den Raum. Ich schiele zur Uhr, 3.15 Uhr, sie ist wieder pünktlich, die kleine Maus. Unsere vierjährige Tochter geht vorsichtig zum Fußende des Bettes und klettert hinein. Sie kuschelt sich zwischen uns und schläft sofort wieder ein. Seit der Geburt der kleinen Schwester, die wegen Platzmangel vorrübergehend das Elternschlafzimmer mitbewohnt, schläft Ann-Kathrin nicht mehr alleine und wir akzeptieren, dass sie den Rest der Nacht bei uns schlafen darf. Ich drehe mich auf die Seite und denke nach. Verwöhnen wir sie zu sehr? Bindet sie sich zu sehr an mich? Muss unsere Tochter lernen mit der Frustration klarzukommen, das die Schwester, aber nicht sie bei uns schlafen darf und was bedeutet das für ihre weitere Entwicklung? Sollten wir ihr mit Konsequenzen und Strafen drohen und was würden die Erzieherinnen in der KiTa dazu sagen?
Eigentlich wissen wir doch intuitiv was unsere Kinder brauchen und auch unsere Kinder kommen mit dem instinktiven Bedürfnis zur Welt sich zu binden. Warum lassen wir uns so verunsichern und wenden eher irgendwelche Methoden aus Büchern an anstatt unserem Instinkt zu vertrauen dessen Wurzeln in unserer Evolution verankert sind? Einige Thesen, über die es sich nachzudenken lohnt, hat meiner Meinung nach Prof. Dr. Gordon Neufeld, ein Entwicklungspsychologe aus Kanada aufgestellt. Er plädiert dafür den Behaviorismus zu überwinden und weist nach, dass dieses System kontraproduktiv ist. Er beruft sich auf Pestalozzis Sichtweise und zeigt auf, das Bindung nicht nur für Kleinkinder von entscheidender Bedeutung ist, wie das in der Bindungsforschung, zum Beispiel von Sir John Bowlby vor allem betont wird, sondern für uns Menschen ein Leben lang das zentrale Bedürfnis bleibt. Die Furcht vor dem Verlust unserer Bindungen beeinflusst unser ganzes Leben. In der Vertrauenspädagogik gibt es einen Leitsatz den wir verinnerlichen sollten: „Die wichtigsten Dinge im Leben kann man weder einfordern noch erzwingen: Das Vertrauen, die Liebe und letztlich auch nicht den Gehorsam. Sie sind die Frucht der Bindung.“ Befolgt man die Regeln der Bindungsforschung gibt es eigentlich keine Probleme. Also ist es doch nicht so schlimm, wenn unsere Tochter lieber bei uns schläft anstatt in ihrem eigenen Bett, oder bin ich ein Blödmann, weil ich mich auf die Bedürfnisse unseres Kindes einlasse?
 Aber ich finde das Allerwichtigste für ein Kind ist doch die Kontinuität, dass es eine Bezugsperson hat der es ohne Wenn und Aber vertrauen kann, bei der es das Gefühl hat das ihm nichts passieren kann. Bringen wir nicht seit einigen Jahren unsere Kinder von klein auf in Situationen, in denen ihre zentralen Bezugspersonen (Eltern, Großeltern) für sie nicht erreichbar sind? Von den stellvertretenden erwachsenen Bezugspersonen (Erzieherinnen, Lehrkräfte) wird die Dynamik des kindlichen Bindungsinstinktes unterschätzt, zusätzlich sind sie durch zu große Gruppen und Klassen überfordert und können das nicht leisten. Aus diesen Gründen kann es vorkommen, dass sich unsere Kinder ihre Bezugspersonen unter Gleichaltrigen suchen. Doch was können Gleichaltrige von Gleichaltrigen lernen? Binden sich die Kinder an ihre Peers, dann haben sie kein Interesse mehr daran die Werte und Fähigkeiten ihrer Eltern und Lehrer zu übernehmen. Der kulturelle Transfer bricht zusammen. Unter Umständen kann die Reifung zu echter Selbstständigkeit durch diese fehlgeleiteten Bindungen verhindert werden und die Kinder können ihr Potenzial nicht entfalten. Haben wir bald eine Generation von ewigen Jugendlichen? Ich lege mich auf den Rücken und beschließe auf meine Intuition zu vertrauen, Kinder brauchen sichere, funktionierende Beziehungen in denen sie sich geborgen fühlen, nur so können sie zu starken Persönlichkeiten heranreifen.

Quellen
Der Neufeld Ansatz für unsere Kinder – Dagmar Neubronner
Mehr als Liebe? Die besondere Bindung zwischen Eltern und ihrem Kind -
Lisa Balihar, Carolin Büdel, Scarlett Henning, Julia Klemm, Mareike Lüdke, Eva Nitschke

5/23/2017

Wie Kinder Selbstbewusstsein entwicklen können

Am Sonntag konnte ich der Kleinen Dame dabei zuschauen, wie sie selbst über sich hinaus wuchs. Wir waren auf einem Spielplatz, der viele Klettermöglichkeiten bot. 
Ein "Rapunzelturm" auf den die Kinder entweder über Klettergriffe oder ein Gitternetz gelangen konnten. Dazu musste eine Art Sprossenwand überwunden werden. Die Abstände der Leisten waren sehr groß - gemessen an der Beinlänge der Kleinen Dame.
Nachdem die Kleine Dame ein paar Mal gerutscht war, versuchte sie sich an der Sprossenwand. ich lief dem Küken hinterher, die das Gelände erkundete. 
"Mama, ich habs  geschafft!" rief die Kleine Dame von der ersten Plattform. Ihre Backen waren rot vor Anstrengung, die Augen glänzten vor Freude. 
Das Küken und ich waren begeistert: "Wow, du hast es alleine geschafft.". 
Nun nahm sie sich das Gitternetz vor - langsam tastend arbeitete sie sich vor. Dabei stand ich auf ihren Wunsch neben ihr, helfen musste ich nicht. Auch diesen wackeligen Weg bewältigte sie alleine. Das Küken verlangte nach meiner Aufmerksamkeit, als ich mich der Kleinen Dame wieder zuwandte, erklomm sie gerade eine Steilwand. Leise und konzentriert sprach sie mit sich selbst: "Ich kann das. Ganz langsam. Ich bin stark." Sie schaffte es. Ruhte sich kurz aus und entschied, dass ihre Beine für den Abstieg auf der zweiten Sprossenwand zu kurz waren. Sie bat mich um Unterstützung, die sie bekam. Gemeinsam erarbeiteten wir einen für sie passenden Weg.
Unten angekommen fiel sie mir um den Hals. "Mama, hast du gesehen was ich kann. Ganz alleine." "Ja Kleine Dame. Das habe ich." Die nächste halbe Stunde verbrachte sie damit, mehrmals über den beschriebenen Parcours zu klettern, nur mit Sicherheitsunterstützung beim
Abstieg und sich abschließend neue Herausforderungen zu suchen.

Es ist egal, ob das Kind zum ersten Mal aus eigener Drehung vom Rücken auf den Bauch schafft oder einen Kletterparcours bewältigt. Das Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit und die aufmerksame Teilnahme mit einem bewussten unterstützenden Eingreifen seitens der Erwachsenen sind es, die das Selbstbewusstsein des Kindes stärken, Das mühsame Erarbeiten einer Bewegung, eines Gerätes und das wunderbare Gefühl, wenn es gelingt, belohnt das Kind ausreichend.

4/18/2017

Bin ich eine gut genuge Mutter?

"Jedes  Kind hat eine gut genuge Mutter" - so ähnlich lautet ein Zitat von Anna Tardos (Emmi Piklers Tochter) das ich einmal auf einer Tagung von ihr hörte und gerne zitiere. Vor allem anderen Müttern gegenüber, wenn sie unsicher sind, ob sie ihren Job als Mutter gut machen. Es strahlt aus: Du bist in Ordnung, du machst das gut. 

Aber manchmal frage ich mich, ob das auch auf mich zutrifft. Vor allem nach Nächten, in denen meine Dreijährige erst mich und dann so langsam ein Familienmitglied nach dem anderem aus dem Schlaf brüllt. Heute nacht brauchte sie erst meine Nähe. Dann eine frische Windel. Dann wollte sie mit dem Papa kuscheln. Dann mochte sie seinen Atem nicht. Dann war er ihr nicht warm genug und sie wollte zu mir zurück. Da lag aber schon ihre Schwester und weinte, weil sie nicht schlafen durfte. Denn natürlich musste auch drei Mal das Licht angemacht werden, damit die Tochter trinken konnte. Nachts bin ich die schlechteste aller Versionen, die es von mir gibt. Ich schaffe es ungefähr zehn Minuten freundlich und gelassen zu bleiben. Dann kann ich nicht mehr.  Mein müdes Gehirn raunzt vor sich hin und spricht Dinge wie "Ich gehe jetzt gleich hier weg" aus. Mein Körper schmerzt. Meine Tochter weint. Brüllt. Gerät außer sich. Auch wenn ich nichts sage. Still bleibe. Meine Wut über den geraubten Schlaf runterschlucke. Sie ist manchmal untröstlich. Auch tagsüber bringen Kleinigkeiten wie zwickende Socken oder die falsche Farbe der Haarspange sie auf die Palme. Ich bin belesen und reflektiert. Ich weiß, wie ich eigentlich handeln sollte. 

Trotzdem kann ich es so oft nicht. Die Wut darüber, dass es nicht einmal einfach ist, dass immer alles genauso sein muss, wie sie es für sich braucht und alle anderen darunter leiden, wenn es nicht so ist. Diese Wut. Ich schäme mich dafür. Denn sie hat mich im Griff. Ich werde laut und grob. Ich will dann nur, dass es aufhört. Dieses Geschrei, Gezeter, Spucken, Stampfen, Sabbern. Die Emotionalität meiner Tochter ist beeindruckend. Alle, die es erleben konnten, waren fassungslos. Es ist meine größte Prüfung. Mehrmals täglich. Ich scheitere oft. "Mama, schrei mich nicht an. Kinder dürfen schreien. Mamas nicht!". In diesen Momenten bin ich weit davon entfernt, eine gut genuge Mutter für dieses Kind zu sein. Ich weiß das.

Es gibt viele gute Momente zwischen meiner Tochter und mir. In denen es leicht ist und wir lachen und sie sich nicht erschüttern lässt und ich mich auch nicht. Doch diese dunklen Momente, diese Wut im Bauch, die wäre ich gern los. Aber sie hat uns beide im Griff und meine Aufgabe als die Erwachsene ist es, damit umzugehen. Sie zu kanalisieren, nicht an ihr auszulassen. Ich gebe mein Bestes. Hoffentlich gut genug.


3/29/2017

Werbung: Auslosung der MonthlyCup - die Fotosstrecke

Endlich habe ich es geschafft -  Zeitumstellung sei Dank - die MonthlyCup auszulosen:


3/15/2017

WERBUNG: Monthly Cup - oder wie ich lernte, das meine Periode gar nicht so schlimm sein muss

Menstruationstasse?
Achtung! Werbung!

Und es begab sich zu der Zeit, das ich auf Zypern weilte und per twitter motzte, das ich meine Tage  bekommen hatte. Seitdem das Küken etwa ein Jahr alt ist und weniger stillte, beehrt mich das "Zeichen meiner Fruchtbarkeit" wieder. Das hat mich tatsächlich schon mehrfach dazu bewogen, eine erneute Schwangerschaft in Betracht zu ziehen. Einfach, damit ich meine Ruhe habe. Dieses hormonelle Theater jeden Monat, das Blut, der ständige Gedanke daran, ob das Tampon hält. Es strengt mich an. Denn ich kann mit drei Kindern und Job ja  nicht einfach ein paar Tage zuhause bleiben und mich auf dem Sofa verkriechen. Wäre ja auch irgendwie verlorene Lebenszeit. 
Menstruationstasse!
Und wie twitter so ist, mit Menschen, die frau nur virtuell kennt, wird sich nicht nur über wunde Brustwarzen, hormonfreie Verhütungsmethoden, Eltern-Sex und Kindererziehungsideen ausgetauscht sondern auch über die besonderen Tage der Frau....meine Schamgrenze ist dementsprechend stark gesunken. Im Zuge meines Motz-Posts aus Zypern erreichte mich eine private Nachricht von der lieben Bloggerin Isabella von www.herzkindmama.de, ob ich denn mit einer Menstruationstasse schon Erfahrungen gesammelt hätte. Hatte ich nicht. Stand immer im Drogeriemarkt davor, unsicher, habs dann doch gelassen. Sie schickte mir kurzerhand ein Menstruationstasse namens MonthlyCup. Direkt beim nächsten Mal probierte ich das gute Stück aus. Nun folgt eine Abfolge von abgedroschenen Phrasen, die sich aber leider nicht vermeiden lassen: Mein Leben hat sich dank der MonthlyCup  verändert. Ich bin eine andere Frau Dank MonthlyCup. Mein Körpergefühl ist viel besser seitdem ich MonthlyCup benutze. WIRKLICH.
Alles, womit geworben wird, kann ich nur bestätigen. Seit meiner Teenie-Zeit habe ich Probleme mit meiner Scheidenflora, vor allem während der Tage. Mit der MonthlyCup ist das nicht mehr aufgetreten. Ich habe damit schon Aerial-Yoga gemacht, war im Schwimmbad, habe unterrichtet. Ich bin wirklich begeistert und total beschwerdefrei, sogar meine sonst normalen Menstruationsbeschwerden sind weniger geworden. Der Tragecomfort ist überhaupt nicht mit Tampons zu vergleichen, es fühlt sich nicht so verstopft an, sondern eher erleichternd. Sogar pinkeln geht ohne Probleme, ist ja mit Tampons nicht so.

Menstruationstasse.
Meinem ökologischen Gewissen tue ich damit auch einen Gefallen...einfach kein Müll mehr. Finde ich auch weniger aufwendig als mit den Stoffwindeln bei den Kindern.  Endlich der unfairen Besteuerung von Damen-Hygiene-Artikeln ein Schnippchen geschlagen - ihr merkt, ich bin begeistert. 
Klar, am Anfang ist es ein wenig "Fuddelei", bis frau rausgefunden hat, wie sie die Menstruationstasse einführt, dass sie richtig sitzt. Gerade am Beginn der Periode muss ich sie auch häufiger ausleeren und das auch mal auf dem Schulklo tun. Aber nach ein paar Mal hab ich mir da schnell Routinen erarbeitet und finde es total unproblematisch. Zwei Größen gibt es: Größe 1 für Frauen unter 30 und ohne Kinder und Größe 2 für Frauen über 30 und mit geburtserfahrenem Körper, die richtige Wahl fällt also nicht so schwer (anders als bei Tampons und Binden - ich sag nur ultranormale Stärke;).

Ich bereue es, dass ich mich noch nicht früher getraut habe, eine Menstruationstasse auszuprobieren. Die MonthlyCup ist einfach zu handhaben, einfach zu pflegen (auswaschen und nach der letzen Verwendung abkochen und im Stoffbeutel aufbewahren). Meine Schwester berichtet von einem Modell, das sie im Drogeriemarkt erwarb und dass einen komischen Geruch entwickelte. Das kann ich bei der MonthlyCup nicht feststellen, habe sie jetzt schon einige Monate im Gebrauch und das Material ist immer noch in einem einwandfreien Zustand.

Überzeugt? Du willst endlich auch weniger Stress mit deiner Periode? Weniger Müll produzieren? Weniger Steuern zahlen? Dann mach mit bei der Verlosung einer MonthlyCup - netterweise stellt Isabella eine zur Verfügung.  Verlost wird eine MonthlyCup in der von dir benötigten Größe. 

 Poste bis zum 26. März 2017 um 20. Uhr einen Kommentar unter diesem Artikel und schickt mir eine Email (damit die nicht öffentlich im Kommentarfeld zu sehen ist) an katha@kinotraumstern.de.

Wenn du willst, folge mir und Ella@herzmamakind bei twitter. 


Das Biest in mir

Ich habe meine Kinder fallen gelassen. Natürlich nicht absichtlich. Beide Mädchen sind krank. Die Kleine Dame fieberte zwei Tage lange. Alles tat ihr weh. Sie konnte nicht selbst laufen. Bei allem, was ihr missfiel brüllte sie ohrenbetäubend und markerschütternd. 
Das Küken hatte seit ihrem Pseudo-Krupp-Anfall vor zwei Wochen eine fiese Erkältung und war total verrotzt. Ich hatte das Gefühl, bei ihr etwas zu übersehen. Aber meist war sie doch gut gelaunt.
Am besagten Tag war ich zur ersten Stunde in der Schule, das heißt ich habe um 7.15 Uhr das Küken in der Krippe abgegeben und bin nach Marburg gedüst, um dort zu unterrichten. Da ich am 24.3. meinen zweiten Unterrichtsbesuch habe, bin ich dann direkt wieder nachhause, um mich in der kinderfreien Zeit an den Schreibtisch zu setzen. Arbeiten, damit ich nachmittags ganz bei den Kindern bin. Anruf aus dem Waldkindergarten. Die Kleine Dame hat in den Morgenkreis gekotzt und schläft. Ohne den Schreibtisch gesehen zu haben, fahre ich also in den Wald und hole sie ab. Sie fiebert. Ich bin bei ihr, versorge sie. Der Mann holt das Küken ab, auch sie ist nicht ganz fit. So undefnierbar maulig und anhänglich. Wir wurschteln uns durch den Tag. Der Große Junge wird zur Patentante gefahren, um Yoga zu machen. Wieder zuhause: Abendessen. Der Liebste muss zur Stadtverordnetenversammlung. Ich will die Kinder in den ersten Stock bringen, um sie bettfertig zu machen. Ich denke mir: erst trage ich die eine hoch, dann die andere. Vor der Treppe: beide brüllen. Egal welche ich abstelle und darum bitte, zu warten. Gebrüll. Tränen. Klammern. Okay, denke ich, ich bin stark. Ich kann zwei Kinder, die zusammen etwa 25 Kg wiegen, die Treppe hochtragen. Mache ich häufiger. Die Kinder brüllen auf meinen Armen weiter, ich will schnell raus aus der Situation, sie beruhigen. Bin gedanklich schon im Wickelzimmer. Da passiert es. Ich stolpere. Die Kinder fallen auf die Treppe. Die Kleine Dame auf ihre Beine. Das Küken knallt auf den Hinterkopf. Weint. Lässt sich schnell beruhigen. Ist irgendwie zu ruhig. Ich rufe den Liebsten an, er reagiert nicht. Liest aber die Nachricht und kommt. Telefoniert mit dem Notdienst, fährt in die Klinik.
Ich kümmere mich um die Kleine Dame und versuche mich zu beruhigen. Nachrichten aus der Klinik, das Kind ist munter. 
Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Fieberkind zum Kinderarzt, im Wartezimmer unterhalten wir uns darüber, dass wir erschöpft sind, die Belastung zu hoch. 
Ich weiß einfach nicht, wie ich alles schaffen soll. Kinder, Job, Haushalt, Engagement. Der Mann fragt, wie er noch mehr unterstützen kann. Dabei sehe, ich wie müde er ist. Volle Stelle an der Schule, zuhause hilft er, wo er kann, dann noch Vereine und Politik.
Meine beste Freundin redet mir ins Gewissen. Genau hinzuschauen, was ich noch weglassen kann. Das Referendariat zu unterbrechen. Mich aufs wesentliche zu konzentrieren. In mir tobt es. Das Biest in mir WILL ALLES SCHAFFEN. RICHTIG GUT MACHEN. Die Ausbildung jetzt ist eine großartige Chance. Verbeamtung, 100%tige Übernahmgarantie in einem Job, den ich mag. Alternativen sind nicht so berauschend. Der Mann redet von Lebensstandard, Hauskauf, Urlaub. Ich sage ja. Weiß, dass er recht hat. Aber. Ich fühle mich so kraftlos. Das Biest in mir zeigt seine hässliche Seite. Ich reagiere auf alles nur noch pampig, laut, unsensibel. Meine Familie leidet unter mir. Das Biest fordert Schokolade, Gummibärchen um sich zu beruhigen. Ich schaue in den Spiegel und bin traurig. Auf twitter läuft  einmonatimkleid. Ich würde gerne mitmachen, sehe aber in allen Kleidern dick aus. Keine Lust auf diese "Ah, sie ist wieder schwanger-Blicke". Ich wäre so gerne schlank, schaffe es einfach nicht, mich zu beherrschen. 
Dieses Biest macht mir Bauchschmerzen. Wo ich hinschaue, sehe ich Arbeit, Aufgaben, Verantwortung. Fühle ich mich überfordert und werde hastig, fahrig und unwirsch. Egal wie viel Yoga ich mache, das Biest ist stärker.

Am Ende, schaffe ich es alles immer irgendwie. Den Unterricht gut vorzubereiten, meine Aufgaben in der Elterninitiative, der Stiftung. Irgendwie Ordnung herzustellen. Mit meinem Sohn Zeit zu verbringen. Mit meinen Kindern liebevoll umzugehen. Freundschaften zu pflegen. Mit meinem Mann eine Beziehung zu führen. 
Aber die Hauptarbeit ist es, das Biest in mir, die ständigen Selbstzweifel, das permanente Gefühl zu versagen, soweit im Zaum zu halten, das ich der Mensch sein kann, der ich will. Liebes Biest, lass mich in Ruhe. Ich brauche meine Kraft für alles andere.





 


1/01/2017

Mama. Mammaaaaa. MAAAAAAAAAAAAAAAAAAMMMMAA.

Bei uns herrscht seit einigen Wochen der Ausnahmezustand. Meine dreijährige Tochter ist völlig auf mich fixiert. Wenn der Liebste und ich gemeinsam mit den Kindern sind, darf er sie nicht anfassen. Sie will das ich
- sie an und ausziehe
- ihr die Zähne putze
- sie auf die Toilette begleite
- sie auf ihrem Hochstuhl an den Tisch schiebe
- ihr das Getränk bereite
- nur ihr vorlese
- bei ihr schlafe
- sie ins Auto setzt, anschnalle und wieder abschnalle
- sie drängt sich in jedes Gespräch, das ich mit einer anderen Person führe
usw.
Wenn ich ihrem Wunsch nicht nachkomme, weil ich vielleicht gerade selbst mal pinkeln muss oder mit ihrer kleinen Schwester Mittagsschlaf mache, dann flippt sie aus. Sie schreit, brüllt, spuckt, wirft Dinge und sich selbst. Sitzt lieber eine halbe Stunde auf der Toilette als sich vom Papa abputzen zu lassen.

Es zehrt an unseren Nerven. Rational ist mir klar, dass sie gerade ne schwierige Phase durchmacht und sich nicht so verhält, weil uns ärgern will oder weil sie ihren Papa nicht mehr lieb hat. Sie ist ein richtiges Kindergartenkind. Ich gehe wieder arbeiten. Auch die Geschwister benötigen meine Aufmerksamkeit für ihre Bedürfnisse.Sie ist ein sehr sensibler und emotionaler Mensch. Mit allen Facetten.

Emotional bin ich am Ende. Wenn ich höre, wie jetzt gerade in dem Moment :"Ich will aber jetzt mit meiner Mama kuscheln." dann verkrampft sich bei mir alles.  Ich habe das Gefühl, ich gebe zu Tag-und auch Nachtzeit mein Bestes. Ich gehe auf ihr Bedürfniss ein. Übergehe dabei meine anderen Kinder. Habe keine Ruhe und Geduld mehr für meinen Mann übrig und will eigentlich am Liebsten alleine sein. Auch wenn ich ihre Wünsche dann erfülle, so tue ich das nicht mehr liebevoll. Sondern weil ich muss. Weil ich keine andere Wahl habe. Weil ich sie nicht 10 Mal am Tag ausflippen lassen kann. Ich fühle mich erpresst. Wenn sie gut gelaunt ist und mich um etwas bittet, dann habe ich diese Gefühle nicht. Dann geht mir alles liebevoll und achtsam von der Hand. Doch wenn sie brüllt und befiehlt was ich für sie tun soll. Dann schaltet mein Gehirn auf Notbetrieb.

Der Liebste ist ähnlich frustriert. Denn in der jetzigen Phase scheint sich ihre Fixierung durch jede Zuwendung nur zu verstärken. Wir haben beide das Gefühl auf einem Pulverfass zu sitzen, das uns beim kleinsten Fehler unter dem Hintern explodiert und uns im schlimmsten Fall vor anderen Menschen bloß stellt: Wir schaffen es nicht, unser Kind glücklich zu machen. Es schreit und weint bitterlich.

Wir geben uns Mühe, alles gut zu planen und so zu gestalten, dass es für sie gut ist und damit auch der Rest der Familie entspannt sein kann. Wir sagen uns, es ist eine Phase, wir schaffen das. Wir ermahnen uns gegenseitig die Nerven zu bewahren, auf sie einzugehen. Liebevoll zu bleiben.

Es ist verdammt hart.